Donnerstag, 17. Oktober 2013

Lampedusa

Ich hoffe nicht, dass sich jemand durch den Text in irgendeiner Weise angegriffen fühlt. Ich habe versucht, festzuhalten, wie mich das Schicksal der Haverieopfer nach dem Nachrichtenbericht beschäftigt hat.


Ihr denkt nicht über eure Identität nach,
euren Ausweis, als wenn das selbstverständlich wär,
so wie‘s atmen für den Menschen ist
doch mir fällt selbst das Atmen schwer.

Wir lernen erst Gefahren kennen,
wenn wir sie zu spüren kriegen,
Die alten Geschichten, die wir hören sind kein Vergleich
dazu,
wenn in der Heimat Bomben fliegen

Alles stehen, liegen lassen?
Schon diese Wahl war mir verwehrt
Ich rannte durch die Straßen
und fand mein Haus schon halb zerstört

Also was blieb mir übrig?
Wer hätte anders gehandelt?
Wenn sich der Ort deiner Jugend
in deinen Alptraum verwandelt.

Also heißt es raus
raus, die letzte Konsequenz ziehen
nicht nur die Stadt verlassen
sondern aus dem Land fliehen

Doch wie kommt man
selbst mit wenig Gepäck
unbeschadet aus
dem Krisengebiet weg?

Man erzählt sich so,
es klingt zwar vage.
Doch ich muss Vages wagen
in meiner Lage

Dass es Transporte gäbe
übers Meer
Es flüchten viele nach Italien,
und kommen nie mehr her

Mit meiner Tasche, meinem Roller
begebe ich mich auf die Fahrt,
auf in Richtung Meeresküste,
dort ist mein Ziel ein Start.

Und so wurde es
Im Geheimen, nachts hat man mich angesprochen
diese Hilfsorganisation
hat mir Hilfe zur Flucht aus diesem Land versprochen

Dankend angenommen habe ich
natürlich, ging es sofort los
meine Tasche und mein Roller blieben stehen
und ich stieg auf ein Floß.

Obwohl wir viele Menschen waren,
Drückte doch die Stille sehr,
mir wurde ängstlicher mit jedem Meter
so allmächtig war das Meer

Nach einiger Zeit,
waren es 2 oder doch 6 Stunden
hatten wir schon einige
Seemeilen überwunden.

Die Rettung vor uns
Ein Flutlicht traf uns grell von oben
dann stemmte ich den Fuß auf eine Treppe
und wurde in den Kahn gehoben,

Oh mein Gott, da kam mir schon die Platzangst nah
Diese Menschenmassen auf dem Schiffchen,
hinter mir noch weitere…
ob es hier so Routine war?

Ich konnte kaum stehen
so waren wir Dicht an Dicht,
und trotzdem wir so viele waren,
sehen konnte ich sie nicht.

Langsam schipperten wir vorran
der Motor vibrierte ziemlich laut
Man hörte mal ein Baby schreien
sonst hatte sich hier Stille angestaut

Am Horizont! Endlich,
sollte das Erlösung sein?
mit jedem Meter sahen wir mehr Lichter,
Der Hafen von Italiens Inselein.

Der Motor stoppte
man hörte Rufe, dumpf vom Steuerhaus
sicher sollten wir jetzt auf die Floße klettern,
Und rudern bis zur Insel raus.

Doch wenn ich es mir richtig überlege
leicht zu schaffen ist das nicht
die Wellen haben hohen Gang
und es sind noch Meilen bis zum Licht.

Da begann es, eine Panik brach aus
der Kapitän stellte sich aufs Dach und rief in Richtung
Festland
wir waren manövrierunfähig

„Mayday“ war der Sachstand.
Die Menschen schrien um ihr Leben,
viel zu viele auf dem Schiff
die eine Hälfte rief um Hilfe

die andere war im Begriff
Den Käpt’n zu beschimpfen
ihn vom Dach zu reißen,
ich dachte nur, was soll das bringen?

Den Kapitän ins Wasser schmeißen?
Doch Menschen in Panik
sind schwer zu verstehen
der Käpt’n selbst war ohne Geistes

und so ist es dann geschehen
Im Eifer der Verzweiflung
und unter diesem Riesendruck
begann er nach einer lösung zu suchen
er wurde festgehalten und bespuckt

Um auf sich aufmerksam zu machen,
es liegt doch auf der Hand
es ist doch tiefe dunkle Nacht
er setzt den Kahn einfach in Brand.



Wie gingen mir die Augen über
als ich das Dach in Flammen sah,
die meisten sprangen gleich von Bord
Ich wusste nicht mehr wo ich war

Die lauten Schreie,
der dichte Rauch.
Ein Mann in Eifer drückte mich zur Seite,
und ich stieß mir die Reeling in den Bauch.

Der Schmerz kam nicht von ungefähr
innen ist etwas verletzt,
ich viel kopfüber in die Tiefen
Doch die Kälte war schlimmer, dann zuletzt.

Die Rippe sticht mir in die Brust
Oh, nicht weit entfernt unsere Rettung, sowie das
Kanaan, Lampedusa!
die Insel ist zum Greifen nahe und

wird vor meinen Augen zur schrecklichen Medusa
Wäre ich doch nie geflüchtet
lieber schnell erschossen
als hier verbrannt, erfroren

oder doch im Meer ersoffen
Mein Augenlicht ist nur noch müde
das Tageslicht hingegen erwacht
Zu wissen dass es auch ohne mich immer weiter scheint,
ist, was mir mehr Angst als das Wasser macht…

Als ich erwache, liege ich am Dock
Sanitäter, Taucher, Rettungsbote
Ich blute stark am Brustkorb, rechts
Sie bergen jede Menge Tote.

Dies Schauspiel, oder waren es die Schmerzen
Ich musste die Augen schließen
Ich hoffte, das nach allen guten Geistern
Nun auch die Kräfte mich verließen.

Doch nein, ich schaffte es
heute sitz ich im Präsidium
mache Aussagen und Unterschriften
es geht um illegale Einwanderung.

Ich muss wohl Strafe zahlen,
mehr als ich in Jahren hier verdienen kann
Doch mein Leben halt‘ ich an mir
Und das konnte lang nicht jedermann.

Ihr denkt nicht über eure Identität nach,
euren Ausweis, als wenn das selbstverständlich wär,
so wie‘s atmen für den Menschen ist
doch mir fällt selbst das Atmen schwer.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen